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Die höhere Tochterschule

 
 

Zu Ostern 1911 wird die Eröffnung einer unter städtischem Patronat stehenden höheren Mädchenschule „im nordöstlichen Stadtteil“ von den Gremien und der Verwaltung der Stadt Düsseldorf betrieben. Düsseldorf erhält damit neben der Luisenschule und der zwei Jahre zuvor durch Eingemeindung erworbenen Oberkasseler Cecilienschule seine dritte öffentliche höhere Tochterschule.

 

Traditionell hatte der preußische Staat die Bildung des weiblichen Geschlechts nicht als seine Aufgabe betrachtet und diese vor allem konfessionellen u.a. privaten Trägern, die noch bis zur Liquidierung der Privatschulen 1937 das Düsseldorfer Mädchenschulwesen weitgehend bestimmten, überlassen. Mit der Mädchenschulreform von 1908 begann der Staat jedoch, der vorherigen willkürlichen und regellosen Entwicklung entgegenzusteuern, indem er einheitliche Aufforderungen an Lehrplan, Ausbildung des Lehrkörpers und Schulorganisation stellte, um so einen in etwa einheitlichen und gehobenen Standard zu sichern. Eine Fülle von Neugründungen Städtischer Lyzeen war die Folge dieser Reform; offenbar war das Bedürfnis nach einer qualitativ guten Ausbildung für die Töchter weit verbreitet. So konnte und wollte auch die Stadt Düsseldorf diesem Drängen nicht widerstreben und betrieb daher die Übernahme der privaten gehobenen Mädchenschule der Frau Fanny Stupin, geleitet von Frau Hart, in der Achenbachstr. 51, um diese Anstalt als Lyzeum, d.h. höhere Mädchenschule, zu errichten. Die Schulvorsteherin dieses Privatinstituts übernahm man dabei als kommissarische Schulleiterin in den Dienst der Stadt: Der „ordentlichen Lehrerin“ (heute etwa Lehrbefähigung bis Klasse 10) Maria Hart wurde für zwei Jahre die Leitung der jungen Schule anvertraut, bis man 1913 den „wissenschaftlichen Oberlehrer“ Dr. Ewald Winkler in dieses Amt berief.

 

Im Genehmigungsantrag an die Bezirksregierung in Düsseldorf hieß es:

 

 „...bitte ich, die Errichtung der neuen Schule zu genehmigen und die Hart als wissenschaftliche Lehrerin

dieser Schule vom 1. April an zu ernennen zu wollen.“

 

Die neue Anstalt hatte nun im Sinne des Reformerlasses von 1908

 

„zu verhüten, dass die ästhetische und die Gefühlsbildung zu sehr überwiegen,..., während die Erziehung zu selbsttätiger und selbständiger Beurteilung der Wirklichkeit zurücktreten. ... Ebenso werden dem Rechenunterricht durch Einführung von Mathematik in den Lehrplan erweiterte Aufgaben zuzuweisen sein. Zugleich ist eine Umgestaltung und Verstärkung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in Aussicht zu nehmen. Doch soll durch diese Änderung die weibliche Eigenart in keiner Weise benachteiligt werden. Vielmehr werden Religion und Deutsch nach wie vor im Mittelpunkt der Mädchen- und Frauenbildung stehen.“

 

Auf einem vollausgebauten Lyzeum erhielten die Mädchen von Klasse VII bis I insgesamt 17 Stunden Religion und 32 Stunden Deutsch. Zum Vergleich die Angaben für höhere Jungenschulen: In allen Typen wurden in den entsprechenden Klassen Sexta bis Obersekunda 15 Stunden Religion erteilt, lediglich 19 Stunden Deutsch am (altsprachlichen ) Gymnasium, immerhin 25 Stunden Deutsch an der (neusprachlich-naturwissenschaftlichen ) Oberrealschule.

 

Rechtlich deutlich zeigt sich die protestantische Prägung der „paritätischen Anstalt“, die bis in die Gegenwart bemerkbar war und die wohl vor allem aus dem damaligen großen Angebot katholischer Privatschulen in Düsseldorf erklärbar war. – Englisch wurde im Gegensatz zu heute erst ab Klasse IV angeboten; Französisch war die Sprache der „gebildeten Stände“, selbstverständlich gebührte ihr der erste Rang.

 

Die unterrichtliche Umsetzung der vorgegebenen Lehrpläne hatte in der Schule zu erfolgen; über die Besprechungen zu einzelnen Fächern ist im Protokollbuch u.a. festgehalten:

 

„In der Geschichte muss die Heimatgeschichte berücksichtigt werden. In jeder Stunde sollen wenigstens 5 Minuten auf die Wiederholung verwandt werden. In der Naturkunde sollen die Schülerinnen angehalten werden, selbst Pflanzen zu ziehen und deren Wachstum zu beobachten.(Bohnen, Erbsen keimen zu lassen). Naturwissenschaftliche Ausflüge werden sehr empfohlen.... Das Turnen der Unterstufe soll mit dem Singen in Zusammenhang gebracht werden.

 

„Im Unterricht selbst ist in erster Linie dafür zu sorgen, dass die ganze Klasse zur Mitarbeit herangezogen wird. Zu vermeiden sind die zwecklosen Ergänzungsfragen (die nur auf die Ergänzung durch einzelne Wörter, d. Verf.). Wert ist zu legen auf die eigene Darstellung des Kindes. Was es weiß und begriffen hat, kann es auch wiedergeben. Der Lehrer trete möglichst zurück.

 

Alles andere als angestaubt wirken diese Anregungen heutzutage; ihre Verwirklichung dürfte gewiss auch den inzwischen hier weilenden Knaben nicht schaden. – Ebenso gilt das für andere Hinweise zur schulischen wie häuslichen Erziehung, die Lehrer offenbar für notwendig halten:

 

„Bei Eintritt der raueren Jahreszeit ist auf die Gesundheitspflege der Schülerinnen bezüglich der Kleidung und der Lüftung zu achten.“

 

Die Hausaufgaben sollen nicht zu reichlich bemessen sein, da der Schwerpunkt der Schularbeit in den Unterricht zu verlegen ist. ...Ferienaufgaben sind unzulässig.

 

Als Maximaldauer wurden für die Vorschulklassen 1 Stunde, für die Klassen VII bis V 1 ½ Stunden festgelegt.

 

Die Garderobe ist an den dazu bestimmten Haken aufzuhängen und nicht auf den Boden zu werfen.

 

Häufige Rücksprachen mit den Eltern sind von großem Nutzen. ...Auf diese Weise nur kann der Lehrer die Individualität des Kindes kennen lernen. Vielfach macht erst ein Einblick in die häuslichen Verhältnisse eine gerechte Beurteilung des Kindes möglich.

 

Eine uns völlig fremd gewordene Erscheinung an jeder höheren Schule, die auf sich hielt, waren die Vorschulen. Diese umfassten die Klasse X, IX und VIII und nahmen bereits mit Beginn der Schulpflicht 6-jährige Schüler(innen) auf, um ihnen den Besuch der Volksschule (heute Grundschule 1-4) zu ersparen. Dieser Weg war freilich nur Kindern vermögender bzw. opferbereiter Eltern eröffnet, da am Lyzeum von Beginn an Schulgeld zu zahlen war: In Düsseldorf betrugen die Regelsätze pro Jahr und Schülerin 100 DM für die Vorschule (Klasse X-VIII), 130 DM für die Lyzealklassen (VII-II), heute 5-10), für die Klasse I (Klasse 11) wie die eventuell sich anschließenden 3 Jahre auf einem Oberlyzeum jeweils 150 DM. Auswärtige hatten je 30 DM mehr zu zahlen. Schulgeld in entsprechender Höhe würde auch heute noch viele Kinder vom Besuch des Gymnasiums ausschließen, zumal für sämtliche Lehr- und Lernmittel ebenfalls das Elternhaus aufkommen musste. (Allein die Kosten für die Schulbücher einer evangelischen Schülerin der Klasse V betrugen z.B. 1913 17,90 Mark). Über die Gewährung von Freistellen für Kinder unbegüterter Eltern musste eigens befunden werden:

 

„In der Klassenkonferenz... wurde die Schülerin Grete C. durchaus würdig erklärt, eine ganze Freistelle zu erhalten.“

 

Um viel mehr musste das Schulgeld vor 75 Jahren soziale Auslese bewirken, wenn wir wissen, dass z.B. ein erstmals beamteter Oberlehrer, oftmals 30 oder mehr Jahre alt, ein Jahresgehalt von 2.700 Mark plus 900 Mark Ortszuschlag erhielt. Die erste Schulleiterin, Frau Hart, erhielt nach 10 anerkannten Dienstjahren bei ihrer Übernahme in den städtischen Dienst immerhin ein Gesamtjahreseinkommen von 2.700 Mark zugesichert. – 1919 wurden die öffentlichen Vorschulen für immer ersatzlos aufgehoben.

 

Ihr meist wenig beachtetes Schicksal teilten sie mit der Monarchie; der 1918 abgedankte Kaiser hatte bis dahin in der Schule einen Ehrenplatz eingenommen. Alljährlich wurde so oder ähnlich „Zur Geschichte der Schule aufgeführt“:

 

„Eine patriotische Feier des Geburtstages SR: Majestät des Kaisers unter Vorführung vaterländischer Festspiele wurde in den einzelnen Klassen abgehalten.“

 

Die in der Aula fest installierte Kaiserbüste ließ sich 1919 abtransportieren; das auf der Bühne hinterlassene Vakuum war freilich leichter zu füllen, als der Verlust des geehrten und geliebten Monarchen – waren die Erziehungsziele verwirklicht – für die Schülerinnen zu verschmerzen war.

 

Die von langen Friedensjahren profitierende und aufstrebende Industrie-, Handels- und Verwaltungsstadt Düsseldorf begnügte sich nicht mit der Errichtung eines neuen Lyzeums; der jungen Schule wurde ein repräsentativer, moderner Bau zugestanden, der neue Maßstäbe setzte und „naturgemäß öfters von Architekten, von Mitgliedern verschiedener Stadtverwaltungen und von Schulmännern, sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland besichtigt“ wurde, wie der Direktor stolz berichtet.

 

Am 9. Juli 1912 hatte die Stadtverordnetenversammlung den Beschluss gefasst und die gewaltige Summe von 795.700 Mark für den Neubau veranschlagt.

 

Die bald begonnenen Bauarbeiten wurden so zügig durchgeführt, dass bereits ab dem 22. April 1914 der Unterricht im neuen Haus stattfinden konnte; am 12. Juli des Jahres fand die feierliche Einweihung statt. Der Direktor Dr. Winkler selbst hielt die Festrede über Ziele und Aufgaben der modernen höheren Mädchenschule, in deren Mittelpunkt er die „nationale Erziehung“ stellte. Wörtlich führte er zu den erwartenden Erfolgen des Turnunterrichts aus:

 

„Dann wird ein frisches, frohes, wehrhaftes, jugendliches Geschlecht heranwachsen, frei von Nervosität, Blasiertheit, tüchtig an Körper und Geist, ein Geschlecht von Frauen, deren eherne, kräftige Gestalt nicht nur mit unseren Altvordern, den herrlichen Germanenfrauen, wetteifert, sondern in deren Brust auch ein tapferes, festgegründetes Herz seine ruhigen, sicheren Schläge tut.“

 

(Der Jahresbericht für 1914 erschien unter Eindruck des 1. Kriegsjahres im März 1915. Das hat sicherlich die Auswahl des Zitats durch den Schulleiter beeinflusst.)

 

Sechs Wochen verblieben den Schülerinnen und Lehrern nur noch, in Frieden und ohne Not die Errungenschaften ihrer neuen, schönen Schule zu genießen. Den im Stadtarchiv Düsseldorf aufbewahrten Rechnungen ist zu entnehmen, dass an Kosten für optimale Ausstattung der Mädchenschule für Physik, Naturkunde und andere Fächer nicht gespart wurde.

 

Die hier aufgeführten optischen Geräte nebst Ausstattung z.B. ermöglichten (wie heute mit TV und Video) eine äußerst „zeitgemäßen“ Unterricht – wenn man den Medieneinsatz für ein Zeichen von Modernität halten sollte. Projektoren für Dias und Filme sind jedenfalls immer noch unverzichtbare Hilfsmittel für den Pädagogen.

 

Auch anderen Neuerungen gegenüber zeigt man sich aufgeschlossen: Kinobesuch wird nicht verboten, freilich hilft man der „Kinoreform-Kommission“.

 

„Über den Besuch des Kinos seitens der Schülerinnen der Klassen V-VII ist ein Fragebogen auszufüllen.“

 

Auf der Oktober-Konferenz geht es um die Verkehrssicherheit: Es „sollen die Schülerinnen auf die Gefahren beim Herannahen der Automobile aufmerksam gemacht werden.“

 

Torheiten wie Tanzstunden für die jungen Mädchen will man zwar nicht erlauben, jedoch bietet die Schule zumindest „kallisthische Kurse“ (rhythmische Gymnastik) bei Interesse der Eltern an.

 

Schließlich eine ungeliebte Erbschaft: Was zerrt an den Nerven von Lehrern und Schülern, stört unablässig den Unterricht? Der Verkehr auf der Lindemannstraße, über den bereits vor 70 Jahren der Direktor bittere Klagen führte:

 

„Bei windigem Wetter und starker Benutzung der Strasse durch Automobile und rasch fahrende Fahrzeuge werden große Staubmassen in den Hof und damit direkt in die Klassenzimmer hineingeweht. Bei schlechtem Wetter zeigt die Strasse große Schmutzmassen. ...Dazu kommt, dass das Straßengeräusch direkt in den Schulhof hineinschallt und dadurch den Unterricht erheblich stört. Allen diesen unangenehmen Zuständen kann begegnet werden, wenn die Strasse... befestigt würde, ... wie die umliegenden Strassen... .“

 

(Die Befestigung allein hat uns vor Lärm und Dreck nicht gerettet...)

 

Am 25. Juni 1914 kam endlich die sehnlich erwartete Nachricht aus Berlin: Das Lyzeum durfte sich nach der Kaisergattin „Auguste-Viktoria-Schule“ nennen. Den versammelten Mädchen wünscht Dr. Winkler, dass sie stolz auf diese Ehre sein sowie

 

„nach Vorbild der hohen Frau, deren Namen die Schule nunmehr trägt, ihre Pflicht in jeder Weise erfüllen“ sollten.

 

Plötzlicher als die Versammelten dachten, sollten die Bewährung der „nationalen Erziehung“ und diese Pflichterfüllung eingefordert werden.